Grass-Kritik ist gelebte Demokratie und kein Antisemitismus

Günter Grass kritisiert den jüdischen Staat und nicht den Juden als Menschen

Günter Grass - Photo Pixelio
Günter Grass - Photo Pixelio

Jeder weiß es und alle schweigen. Jeder weiß, dass der Staat Israel eine aggressive Siedlungspolitik in Form von Landraub im Westjordanland betreibt und illegal jüdische Bürger auf fremdem Boden in Palästina ansiedelt. Jeder weiß, dass Israel neben Nordkorea, Indien und Pakistan den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet hat. Jeder weiß, dass Israel das größte und am höchsten entwickelte nukleare Arsenal außerhalb der fünf offiziell anerkannten Atomwaffenstaaten besitzt. Jeder weiß, dass Israel in Kürze das mit nuklearen Sprengköpfen bestückte Dolphin U-Boot aus Deutschland beziehen wird, von anderen Kriegswaffen aus Deutschland ganz zu schweigen. Jeder weiß, dass Israel Schutzwälle und Grenzmauern gegen seine Nachbarn errichtet und an einer Zweistaatenlösung mit Palästina nicht interessiert ist. Jeder weiß, dass Israel die staatliche Souveränität seiner Nachbarn missbilligt. Nur einer wagt diese Tatsachen zu thematisieren – und wird nun zu Unrecht stigmatisiert und von Vertretern einer heuchlerischen Politik verurteilt: Günter Grass.

In meinem Demokratieverständnis ist Kritik, vor allem wenn sie grundsätzlich richtig ist, nicht nur konstruktiv, sondern auch unabdingbare Voraussetzung für ein gesundes demokratisches Volksgebilde. Günter Grass kritisiert in seinem Gedicht nicht den Juden als Menschen, sondern die jüdische Regierung. Das ist ein feiner, aber bedeutsamer Unterschied. Wer hier von Antisemitismus spricht, betreibt Hetzkampagnen gegen die Mündigkeit eines demokratischen Bürgers und will die Aufmerksamkeit von der Wahrheit ablenken. Über den Passus zum Präventivschlag gegen den Iran kann man sich sicher streiten. Das ändert jedoch nichts an der grundsätzlich richtigen Tatsache eines militärisch aggressiven Vorgehens Israels in Nahost. Daher ist Israel definitiv zu kritisieren! Und so wie es aussieht, steht auch die Mehrheit im Lande hinter den Aussagen von Günter Grass.

Ich wehre mich gegen einen Staat, der ungeniert mit dem Finger auf die dunkle Seite der deutschen Geschichte zeigt, aber selbst daraus keine Konsequenzen zieht. Ich wünsche dem Staate Israel den Mut, sich wie wir Deutsche der eigenen Geschichte zu stellen, Zäune einzureißen, das Atomzeitalter hinter sich zu lassen und sich für Frieden und Gerechtigkeit stark zu machen, auch wenn dies nicht in allen Bereichen zufriedenstellend gelungen ist. Immerhin haben wir den Holocaust anerkannt, im Gegensatz etwa zu den Amerikanern (Völkermord an 1 Million indianischer Ureinwohner), Spanien/Portugal (Völkermord an 30 Mio. Indios/Azteken/Inkas/Mayas) oder Türkei (Völkermord an 2 Millionen Kurden/Armenier), um nur ein paar dunkle Kapitel anderer Völker zu beleuchten. Danke, Günter Grass, für diese offenen und ehrlichen Worte in einer Welt, die es mit der Wahrheit nicht mehr ernst meint und stattdessen allzu oft mit kapitalistischer Macht Scheinwelten aufrechterhält. <-

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