Freiheit, die ich meine…

Seit Mai dieses Jahres sind im Lebensraum Europa erneut Grenzzäune gefallen und Zollschranken aufgehoben. Mittlerweile können wir uns zwischen Portugal und Polen unbegrenzt zu Hause fühlen. Ein großer Schritt in Richtung Freiheit. Doch mit der Hoffnung auf die gewonnene Unabhängigkeit wächst in unserem Lande zugleich die Angst vor neuen und unbekannten Herausforderungen. Arbeitsplätze könnten beispielsweise in billigere Lohnzonen verlagert oder ideologischer Terror importiert werden. Mittlerweile haben wir hierzulande mehr Angst vor der Freiheit als vor den realen und psychologischen Grenzen, gegen die wir noch in den sechziger oder siebziger Jahren demonstrativ zu Felde zogen. Jetzt haben wir fast alles, was wir damals wollten, und fühlen uns doch unsicherer als jemals zuvor.

Offensichtlich hat Freiheit ihre Grenzen. Und in der Tat scheint in unserem Land die gewonnene Unabhängigkeit weder kognitiv noch wirtschaftlich zu fruchten. Stattdessen wird öffentlich die preußische Ordnung der guten alten Zeit propagiert, werden die kirchlich-moralischen Sitten als oberste Lebensmaxime gelobt. In Deutschland ist Regression statt Innovation angesagt! Ein »Zurück« hinter Grenzen und Mauern, anstatt ein »Voran« in die Freiheit und Selbstentfaltung!

Die strauchelnde Wirtschaft ist ein nur allzu deutliches Abbild des kollektiven Bewusstseins, das lieber tatenlos jammert, anstatt tatkräftig den neuen Chancen der Freiheit zu begegnen. Die vorherrschende Volkskrankheit hat anscheinend auch die letzten Positivisten erwischt, die mittlerweile beim neuen Bürgerspiel mitpokern: Noch schnell absahnen statt beitragen, bevor die Titanik endgültig sinkt. Das fängt bei Sozialhilfe an und hört bei übler Managerabzocke auf.

Freiheit ist für die deutsche Volksseele ein Niemandsland, auf dessen Boden sich höchstens ein paar Mutige und Geächtete eine Bleibe suchen. Bleibt nur zu hoffen, dass der zunehmende wirtschaftliche Druck irgendwann die Schranken des kleinbürgerlichen Bewusstseins aufbricht. Auf dieser Ebene lebt unser Germanenheld noch immer hinter mittelalterlichen Grenzwällen.

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