Deutschlands Schwarzseher

Die terroristischen Anschläge vom 11. März in Madrid wecken wieder die Bilder der politischen Situation im Irak vor einem Jahr. Die Welt vom Bösen erlösen wollten sie, George W. Bush und seine inzwischen strauchelnde englisch-spanisch-polnische Kriegsdelegation. Und eigentlich befände sich Deutschland auch unter diesen »Kreuzzüglern«, wären Stoiber oder Merkel unter der christlichen Parteifahne ins Kanzleramt gezogen. Vermutlich wäre nicht Madrid, sondern Berlin oder München Schauplatz eines islamistischen Vergeltungsschlages geworden, hätten die »Schwarzseher« heute das Ruder in der Hand.

Die Tatsache, dass die Minderheit der wahlfähigen Bayern für weitere 5 Jahre einen christ-parteilichen Vertreter nominierte, der einerseits Widerstandskämpfern wie den Geschwistern Scholl in der Walhalla ein Denkmal setzt, sich andererseits aber dem Diktat seines hegemonialen Bruders über dem Teich beugt, lässt den Grad des politischen Horizontes dieses Landes erahnen, der wohl kaum über den Weißwursthorizont hinausreicht. Während fast ausnahmslos alle Nationen Europas deutlich in die weltoffene inke und soziale Richtung tendieren, wie etwa Frankreich, Schweden oder Finnland, man zudem in Österreich geradezu von einer spirituellen Renaissance spricht, marschiert der Deutsche Michel wieder rechtswärts in sein trautes Wolkenkuckucksheim. Trotz Wohlstandsbauch und Eigenheim scheint der Germanenheld nicht selbstständiger geworden. Er hofft auf einen neuen christlichen Führer, dessen Schicksal sich nicht am Kreuz erfüllt, sondern an Wirtschaftswundern hängt.

Nein, das zeugt nicht gerade von einem kosmopolitischen Bewusstsein, wie es in dieser Zeit für dieses Land notwendig wäre. Deutschland scheint ein Land hoffnungsloser Pfahlbürger, unselbstständig und immer noch auf der Suche nach einem Hirten, der die Schafe zur Tränke führt.

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