Genuss & Sinnlichkeit

Unser Alltag wird häufig von Terminen und Verpflichtungen in Familie und Beruf so sehr in Anspruch genommen, dass Genuss und Sinnlichkeit ins Hintertreffen geraten! Einigen kommt dies mitunter nicht ungelegen, denn sobald Gefühle im Spiel sind, erscheinen die gewohnten Fluchtwege und die obligatorischen Ausreden im alltäglichen Miteinander so erschreckend banal...

Was aber hält uns im Alltag davon ab, das Leben trotz der vielen Anforderungen bewusst zu genießen? Ist es etwa das keusche Erbe kirchlicher Moral, das selbst im 21. Jahrhundert die emotionale Tiefe unseres Körpers immer noch verteufelt? Oder ist es etwa die Angst, dass sich hinter unserem Bewusstsein ein seelischer Abgrund auftut, der unser Leben geradezu sinnentleert erscheinen lässt?

Wenn wir sämtliche körper- und psychotherapeutischen Modelle heranziehen, sind sich alle Richtungen darüber einig, dass ein gesundes und erfülltes Leben nur dann möglich ist, wenn wir auf die Signale unseres Körpers achten, seine Bedürfnisse würdigen und seine seelische Tiefe voll und ganz in unser Bewusstsein integrieren. Wenn wir unsere sinnliche Veranlagung leugnen, beschneiden wir eine seelische Qualität unseres Seins. Unser Lebensradius wird enger, das kreative Potenzial verblasst und die Lebensfreude leidet.

Dass viele Menschen heute, "auf Teufel komm raus" ihre sinnlichen und genießerischen Veranlagungen förmlich mit dem Hammer (wieder) zu entdecken versuchen, ist sicherlich ein gut gemeinter Versuch, sich aus dem moralischen Sumpf der letzten zweitausend Jahre zu befreien. Dass sie damit aber ihre Sensibilität regelrecht betäuben und so eher stumpf als empfänglich werden, geschweige denn eine gesunde Spiritualität entwickeln, dürfte als weiterer evolutionärer Schritt in Richtung "Mitte" gelten, wo Sinnlichkeit und Genuss etwas Natürliches und Gottgegebenes sind, wie uns eine Leserin schreibt: Pure Sinneslust! Sinnlichkeit - erfassen mit Sinnen; und es macht Sinn für uns. Erfassen mit Freude; es wird zum Genuss. (Teresa Fabra Cadena)

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